Wenn Sergey Grinevich malt, geschieht etwas, das man fast nur im Rückspiegel versteht. Linien, die zunächst unscheinbar wirken, öffnen Türen. Farben, die sich wie Zufall anfühlen, entlarven sich als präzise Entscheidungen. Und Figuren, die scheinbar ruhig im Raum stehen, beginnen plötzlich, eine eigene Realität zu behaupten.
Für die Seazen Winter Edition 2025/26 hat Grinevich zwei seiner ikonischen Werke nicht nur neu interpretiert, sondern neu gedacht. Die für Seazen geschaffenen Fassungen von «Wig 1» und «Wig 2» zeigen die Essenz dessen, was seine Kunst auszeichnet: eine kompromisslose Suche nach innerer Wahrheit, nach dem, was unter der Oberfläche lebt. Auf dem Cover blickt uns eine Figur entgegen, die zugleich Kraft, Verletzlichkeit und Rätsel in sich trägt. Ihre Farben sind radikal, ihre Haltung still. Genau darin liegt der Sog.
Eine Kunstsprache, die mehr zeigt, indem sie wegnimmt
Wie Friedrich Kisters beschreibt, ist Grinevich ein Künstler, der nicht malt, was er sieht, sondern was darunter liegt. Seine Arbeitsweise ist ein permanenter Dialog mit der Leinwand. Schichten werden aufgetragen, abgeschliffen, übermalt, wieder geöffnet. Im Artikel sieht man diesen Prozess in Echtzeit: Die Ballerina, die zunächst fast fertig erscheint, wird im nächsten Moment von dunklen Farbgüssen verschluckt – um sich später, präziser als zuvor, erneut aus der Tiefe zu lösen.
Zerstörung als Methode. Reduktion als Präzision. Abstraktion als innere Konsequenz.
Grinevich nutzt Realismus, Skizzenhaftigkeit und Pop-Art-Elemente nicht als Stilmittel, sondern als Sprachen, zwischen denen er wechselt, um etwas Unsichtbares sichtbar zu machen. Die Figuren sind schön, aber nie dekorativ. Sie sind stark, weil sie widersprüchlich sind.
Sein Selbstporträt mit geschlossenen Augen ist dafür beispielhaft: Eine ironische Kritik an Identität und Wahrnehmung, umgesetzt mit minimaler Geste und maximaler Wirkung.
Warum dieses Cover für den Winter 2025/26?
Weil Grinevich genau das ausdrückt, was Seazen im Kern ausmacht: Tiefe, Klarheit, Haltung.
Seine Neufassung für das Cover ist nicht bloss ein Bild, sondern ein Gespräch – über Identität, Masken, Blicke und das, was man nur sieht, wenn man länger hinschaut.
Es ist ein Werk, das den Winter nicht als Jahreszeit, sondern als Zustand interpretiert: ein Moment der Konzentration, der Stille, der Innenkehr. Und gleichzeitig ein kraftvoller Auftakt für alles, was im neuen Jahr kommen kann.
Weitere Informationen:
Sergey (Sjarhej) Grinevich, 1960 nahe Hrodna geboren, zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen Künstlern Belarus’. Er begann seine Ausbildung früh: mit sechs an der Kunstschule, mit elf an der Belarussischen Staatlichen Akademie der Künste, wo er 1983 seinen Abschluss machte.
Sein Werk verbindet Motive aus Geschichte und Alltag mit Einflüssen von Andy Warhol, Erik Bulatov und Alex Katz. In seriellen, farbstarken Kompositionen schafft er ikonische, oft ironisch gebrochene Bilder, die Konsumkultur, Militarismus und religiöse Symbolik kritisch hinterfragen. Grinevich gilt für seine vielschichtige Auseinandersetzung mit der Ikonografie des sozialistischen Realismus und für seine präzise reduzierte Bildsprache.
Er stellte international aus, unter anderem im Museum of Modern Art Minsk, im Marc Chagall Center Vitebsk, im Espace Pierre Cardin Paris, in New York, Warschau, Baden, Kiew, Florida und Spanien. Er ist Mitglied einer renommierten Künstlergruppe und eine feste Grösse der belarussischen Kunstszene.

