Eine staubige Tuk-Tuk-Fahrt, ein dunkles Eisentor, ein Glas selbstgemachter Eistee in genau der richtigen Stärke: So beginnt der Besuch bei Channy Chhoeun, dem Seazen Cover Artist der Sommerausgabe 2026. Der 38-jährige Kambodschaner hält in leuchtenden Farben fest, was er als Kind liebte und als Erwachsener verschwinden sieht. Seazen-Autorin Manuela Imre hat ihn in seinem Atelier am Rand von Siem Reap getroffen.
Wer kommt, wird zuerst bewirtet: kühle Getränke, ein Teller Khmer-Süssigkeiten, die neugierigen Blicke der beiden Hunde Peanut und Digo. Dann folgt eine Einweisung ins Lotusfalten – Channys «liebste meditative Beschäftigung». Behutsam die äussere Blütenlage anheben, die Hälfte einschlagen, die Spitze unter die Falte klemmen. Bei Manuela Imre geraten die zarten rosa Blüten eher unförmig. Channy lächelt. Recht behält er trotzdem: Das Falten beruhigt, der Hitzeschock der Stadt verblasst. Erst dann geht es ins Atelier.
Channy Chhoeun wurde 1988 in Battambang geboren, im Nordwesten Kambodschas. Mit zehn Jahren zog die Familie in den unerschlossenen Dschungel, um Land zu roden. Keine Schule, kein Markt, kein Wasser – dafür Tiger, Schlangen und Wildschweine. Ohne Papier und Pinsel malte der Junge mit Stöcken in den Sand; seine Mutter fegte ihm jeden Morgen eine glatte Fläche frei. 2006 meldete ihn sein Vater heimlich bei «Phare Ponleu Selpak» an, einem der bekanntesten sozialen Kulturprojekte Südostasiens. Dort wurde aus dem Jungen, der im Sand malte, ein Künstler.
Heute zählt er zu den bekanntesten aufstrebenden Künstlern des Landes. Er arbeitet mit Acryl auf Leinwand, in gesättigten Farben und feinem Realismus, der in Ansätzen an mittelalterliche Buchmalerei erinnert. Pfaue, Eisvögel, die gelbe Rumduol-Blüte, Apsara-Tänzerinnen – Motive, die tief in der Khmer-Mythologie verankert sind. Hinter der Schönheit liegt jedoch eine Warnung. In Werken wie «Red Zone», «Silent School» oder «Bait» zeigt Channy, was Rodung, Plastik und Pandemie hinterlassen, ohne erhobenen Zeigefinger und ohne übertriebene Dramatik. Der Vergleich mit dem amerikanischen Naturmaler John James Audubon fällt oft. Channy nickt dazu zustimmend.
Wie aus diesem Weg ein Künstler wurde, dessen Werke inzwischen in Privatsammlungen in Neuseeland, den USA, Grossbritannien und der Schweiz hängen – das erzählt Manuela Imre in der aktuellen Seazen Sommerausgabe 2026. Mit Fotos von Joseph Brady, Werkbeispielen und der ganzen Geschichte hinter dem Cover.
Weitere Informationen:
Channy Chhoeun – Atelier Siem Reap
Besuche nach vorheriger Absprache. Das Atelier liegt in einem ruhigen Viertel unweit des Tempels Wat Athvea, rund 20 Minuten mit dem Tuk-Tuk vom Stadtzentrum. Wer kommt, wird mit selbstgemachtem Eistee, Khmer-Süssigkeiten und – je nach Tagesform – einer Einweisung ins Lotusfalten empfangen. www.channychhoeun.com · [email protected]
Phare Ponleu Selpak
Die 1994 gegründete NGO in Battambang bietet Kindern und Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen kostenlose Ausbildung in Bildender Kunst, Musik, Theater und Zirkus. Eines der wichtigsten sozialen Kulturprojekte Südostasiens – und der Ort, an dem Channy Chhoeun zum Künstler wurde. www.phareps.org
Phare, The Cambodian Circus
Der Bühnenarm von Phare Ponleu Selpak. Allabendliche Vorstellungen in Siem Reap, in denen kambodschanische Geschichten mit Akrobatik, Live-Musik und Theater erzählt werden. Die Erlöse fliessen zurück in die Schule in Battambang. www.pharecircus.org

