PEMBA ISLAND
Von lebenden Pfeilen und Trompeten
Ich bin im Hotel aufgewachsen. Habe in Hotels gearbeitet. Hotels sind mein Leben. Ich habe in Hotels geschrieben, gefeiert und getrauert. Ich bin in Hallen gesessen. Habe in Dampfbädern geschwitzt, aus Zimmerfenster in die Weite geblickt. Ich habe viele Zimmer gesehen. Eines wie dieses aber noch nie. Es liegt unter Wasser.
Z ugegeben. Ich wollte nicht in die Ferien. Man liegt dann dort herum. Sonnencrème. Störenfriede. Sand an den Füssen. Das brauche ich nicht. Cigarren? Die kann ich zuhause rauchen, auch mein Weinkeller ist bestens bestückt. Danke, ich weiss, ich bin ein Snob. Unausstehlich bin ich meistens, wenn es um die Ferienplanung geht. Lieber reise ich beruflich. Menschen interessieren mich. Geschichten. Die Esskultur. Oder meinetwegen auch Abfüllanlagen in einer romantischen Weinregion. Oft genug passiert etwas Spannendes. Ferien sind das Gegenteil davon. Es soll bloss nichts passieren. So beginnt also die Geschichte einer unvergesslichen Nacht.
Willkommen in der Entschleunigung
Der Flughafen, den man ohne Umschweife direkt aus der Schweiz erreicht, ist so neu, dass er im Dezember 2021 noch gar nicht in Betrieb genommen werden konnte. Dafür Plastikstühle und Platzregen. Willkommen in der Entschleunigung. Weiter geht die Reise nur Stunden später mit einer kleinen Propellermaschine in Richtung PMA, was nicht für Palma de Mallorca, sondern für Pemba Island steht. Pemba ist die zweitgrösste Insel im ostafrikanischen Sansibar-Archipel. «You are in safe hands», steht auf einer Werbetafel der Zanzibar Insurance Corporation und das glaubt man sofort. Vor allem, weil man muss. Pemba ist nichts für Leute, die auf Rolltreppen in Las Vegas, verspiegelte Hochhäuser in Dubai oder Bling-Bling ganz genereller Natur stehen. Natur ist auf Pemba, selbst im Vergleich zu Sansibar, Natur. Idyllisch könnte man sagen. Irgendwie unberührt. Nicht wie die Strassen. Die sind holprig. Sie führen durch Wälder und Dörfer, vorbei an Feldern und Tieren, einmal quer über die Insel. Pemba ist die Nelkeninsel. Hier werden 70 Prozent der weltweit gehandelten Nelken gepflückt. Gut zu wissen, aber eben: Ferien. Eineinhalb Stunden später öffnet jemand die Türe des Jeeps. Ich fühle mich wie ein Kartoffelsack am Ende der Welt. «Wie hat euch die Pemba-Massage gefallen», fragt der Willkommensmann. Er grinst. Mir käme ein starker Drink gelegener.
Hier zu übernachten, macht Sinn
The Manta Resort. Es klang nach Malediven, ist aber im entlegensten Urwald auf einer vergessenen Insel im Osten Afrikas zu finden und man muss es suchen. «Früher kamen nur Expeditionstaucher hierher», sagt der begeisterte Hotelbesitzer und Freediver Matthew Saus. Alles andere sieht man auf den ersten Blick. Es ist schön. Es ist hyperprivat und megaentspannt. Es ist luxuriös, weil es einfach ist und ehrlich und weil die touristische Form, die die Verantwortlichen für dieses Projekt gewählt haben, die Bevölkerung inkludiert und ein System aufbaut, von dem alle profitieren. Am meisten die Natur, auch unter Wasser und die Dorfgemeinschaft. Alle, die im Hotel arbeiten, leben im Dorf nebenan. Die Stiftung, die das finanziert, wird auch aus Geldern gespiesen, die die Hotelgäste bei jeder Übernachtung hier abliefern. Hier zu übernachten, macht Sinn. Der Beginn von diesem Denken geht auf die unvergleichbare Unterwasserwelt zurück, die man um jeden Preis vor Massentourismus und umstrittenen Fischereimethoden schützen wollte. Ja, das Manta Resort ist und bleibt ein Ort für Tauchsportfreunde. Aber nicht nur.
Zurück zum Zimmer
Zurück zur Einleitung. Zurück zum Zimmer. Es ist einzigartig und ich schreibe es vorab: es kostet 1840 Dollar pro Nacht. Drei Nächte sind im Minimum zu buchen. Vom kitschig weissen Sandstrand aus betrachtet, sieht es aus wie das schwimmende Piratenfloss von Tom Sawyer auf dem Mississippi. The Underwater Room – so heisst die schwedische Hütte auf dem Meer, die in einer Art blauem Loch, vor dem Hotel, verankert wurde. Es ist die ehemalige Waschstation der hiesigen Mantarochen, die nicht mehr hiesig sind. Zuhause fühlt man sich als Gast im Manta Resort dafür und dank den Private-Butlern umso schneller. Besser noch. Denn manche Butler sind lustig. Der unsrige lässt mich sogar zum Küchenchef, zu Chef Rashid, in die Küche vor. Dieser ehemalige Security-Mann ist knapp zwei Meter gross, lieber kocht er, als dass er aufpasst. Wie man Mangrovenkrabben zubereitet, hat er mir gezeigt. Vielleicht sind Ferien gar nicht so schlecht? Das denkt man sich so, wenn man aus der atemberaubenden Zimmervilla am Meer auf selbiges starrt. Schneeweisser Sandstrand, Massagen, Ceviche von der Mangrovenkrabbe, Tauchurlaub, die Geschichte könnte hier enden und auch die geneigte Leserschaft bliebe angenehm gelangweilt inspiriert zurück. Wäre nicht dieses Zimmer da draussen, 250 Meter vor der Küste. Wie schön muss es sein, für einmal unter Wasser zu schlafen und den Fischen beim Fischsein zuzusehen? Was tun Fische die ganze Nacht?
Was tun Fische die ganze Nacht?
Ganz einfach. Sie beobachten dich, wie du sie anstarrst, weil du nicht schlafen kannst. Mit dem Boot hat uns der Butler (zu unserer grossen Überraschung und weil wir in pandemischen Zeiten nahezu die einzigen Gäste auf der Insel waren) zum Unterwasserzimmer gebracht. Essen. Wein. Alles an Bord. Dann hat er sich verabschiedet. Wir waren allein. Auf weiter See. Mit einem Notfalltelefon. Fünf Meter unter dem Wasserspiegel befindet sich das Bett. Neun Quadratmeter misst der Schlafraum, der wie ein umgekehrter Hochsitz zu verstehen ist. Man erreicht ihn, wenn man die Sprossentreppe hinunterklettert, dort unten legt man sich dann auf die Pirsch. Sagenhaft, wie in einem U-Boot. Wenn in der Nacht dann die Lichter angehen und das geheime Leben unter Wasser startet, dann ist es selbst für erfahrene Taucher unfassbar spannend mitzuerleben, welche Tiere welche Jagdstrategien entwickelt haben. Blitzschnell schiessen sie von unten nach oben oder von oben nach unten (wie die Sepien). Endlich habe ich verstanden, warum Barrakudas auch Pfeilfische genannt werden. Normalerweise schwimmen sie einfach um den Tauchenden herum. Erhaben und dröge. In der Nacht sind sie lebende Pfeile (von unten nach oben)!
Das grosse Fressen
Es ist, wie wenn im Riff ein exakter Zeitplan existieren würde, an den sich die Räuberinnen und Räuber zu halten hätten. Fledermausfische. Trompetenfische. Drücker. Kleine. Grosse. Neugierig sind sie alle. Ein Kommen und Gehen. Es ist das grosse Fressen hier draussen und heimlich bin ich froh, kein Fisch zu sein, denn hier geht es in jeder Nacht immer wieder nur darum zu überleben. Was für ein Stress. Und was denkt sich wohl Nick, der gelbe Trompetenfisch, der immer wieder von oben nach unten ins Zimmer hineinschaut. Angeblich schaute er schon beim Bau des Zimmers rein und auch jetzt will er wissen, was drinnen abgeht. Angeleuchtet leuchten alle Fische. Die einen tauchen auf, die anderen verschwinden. Nur man selbst bleibt. Eingekapselt im Aquarium. Acht Fensterscheiben. 55 Millimeter trennen Mensch vom Meer. Vorhänge gibt es nicht. So muss das Fischsein in Gefangenschaft sein. Unweigerlich fühle ich mich im falschen Element und die Erkenntnis, dass ich dort draussen keine einzige Nacht überleben würde, kommt schnell. Drinnen kommen die einen dafür aus dem Staunen nicht mehr heraus, während die anderen eine Beklemmung spüren. Ans Schlafen ist kaum zu denken. Wer das will, steigt aufs Sonnendeck. Es befindet sich direkt unter dem Sternenhimmel. Auch das ist die Chance einer unvergesslichen Nacht aufzulauern.
Informationen
The Manta Resort, Pemba Island, Tansania: themantaresort.com
Die Stiftung hinter dem Resort: kwaninifoundation.org
Text: Andrin C. Willi · Bilder: The Manta Resort

