NOVA SCOTIA & PRINCE EDWARD ISLAND

Im Takt der Gezeiten

Unsere erste Reise nach Kanada. Rocky Mountains, Ahornsirup, Eishockey, Niagarafälle — so vieles geht uns durch den Kopf, als wir Halifax ansteuern. Was uns in den nächsten zehn Tagen erwartet, ist ein anderes Kanada: raue Küsten, sanfte Landschaften und ein Meer, das zweimal am Tag verschwindet.

D ie Hauptstadt von Nova Scotia ist eine Hafenstadt durch und durch. Der Atlantik ist nicht einfach Kulisse, sondern bestimmt den Pulsschlag. An der Waterfront reihen sich Fährschiffe an Fischerboote, während Denkmäler an mutige Seeleute und Kriegshelden erinnern. Dazwischen duftet es von den Foodständen nach Gerichten aus aller Welt — frischer Hummer neben würzigem Curry. Und wo früher Lagerhallen standen, spiegeln sich heute gläserne Fassaden in den Wellen.

Halifax: Geschichte am Kai

Den besten Blick auf das Treiben im Hafen hat man vom Wasser aus — und das komplett elektrisch. Ein kleines Schiff im Stil eines historischen Salonbootes gleitet geräuschlos an der Waterfront entlang, vorbei an Georges Island und unter der Macdonald Bridge hindurch.

Im Canadian Museum of Immigration am Pier 21 tauchen wir in eine andere Zeit. Koffer mit abgegriffenen Ledergriffen, vergilbte Dokumente, Kinderzeichnungen — jedes Objekt erzählt vom Mut und der Unsicherheit derer, die hier ankamen. Über eine Million Menschen betraten zwischen 1928 und 1971 diesen Kai. Für viele war es ein Neuanfang, für andere der letzte Halt nach Flucht und Krieg.

Nicht weit vom Hafen erinnert der Fairview Lawn Cemetery an ein tragisches Kapitel: Mehr als 150 Opfer der Titanic liegen hier begraben. Halifax war der nächstgelegene grössere Hafen, als das Unglück geschah. Nur wenige Jahre später wurde die Stadt erneut Schauplatz einer Katastrophe — bei der Explosion von 1917, der gewaltigsten von Menschen verursachten vor dem Atomzeitalter, verloren über 1900 Menschen ihr Leben.

Als wir das Museum verlassen, schreckt uns ein Kanonenschlag auf: Die «Noon Gun» versieht ihren Dienst täglich punkt 12 Uhr, seit 1857. Am Abend dann ein Pub mit Live-Musik, ein Blues-Sänger alter Schule allein auf der Bühne, die Spendenbüchse vor sich — und dazu eine klassische Poutine: Pommes frites mit Bruchkäse, der beim Kauen quietscht, übergossen mit brauner Bratensauce.

Halifax aus der Luft bei Sonnenaufgang, die Waterfront mit Hafenbecken und Hochhäusern am Atlantik

Peggy’s Cove: Kanadas berühmtester Leuchtturm

«Jetzt sieht’s richtig kanadisch aus», habe ich in mein Notizbuch geschrieben. Mischwälder, idyllische Seen und mystisch anmutende Moorlandschaften begleiten uns auf dem Weg rund um Nova Scotia. Erste Station ist Peggy’s Cove, das Fischerdorf mit dem wohl berühmtesten Leuchtturm des Landes. Seit 1915 ist der Turm Navigationshilfe und Sinnbild für die raue Schönheit der Atlantikküste zugleich. Die glatt geschliffenen Granitfelsen, über die die Wellen seit Jahrtausenden rollen, bilden eine zutiefst beeindruckende Landschaft.

Der Leuchtturm von Peggy's Cove steht im Gegenlicht eines rot glühenden Sonnenuntergangs auf den Granitfelsen

Als die See 229 Menschen verschluckte

Nur einen Kilometer entfernt steht eine Gedenkstätte, die daran erinnert, wie heimtückisch das Meer sein kann: das Memorial für die Opfer des Swissair-Fluges 111. Am 2. September 1998 stürzte die Maschine auf dem Weg von New York nach Genf vor Peggy’s Cove ins Meer, 229 Menschen kamen ums Leben.

Gerry, der im Dorf einen Souvenirladen betreibt, erinnert sich genau an den schicksalhaften Tag: «Es war unglaublich. Plötzlich war die ganze Gegend nachts hell erleuchtet. Polizei, Feuerwehr, Rettungsfahrzeuge. Für eine Woche herrschte Ausnahmezustand. Nicht einmal den lokalen Fischern war es erlaubt, rauszufahren. Das ganze Dorf war wie in einer Schockstarre. Anfang September, keine Touristen. Einfach nichts. Es war sehr traumatisch.»

Steinernes Denkmal mit drei Einkerbungen für die Opfer des Swissair-Fluges 111 bei Peggy's Cove

Die Lighthouse-Route: Idylle entlang der Küste

Die Begegnung mit dem Memorial stimmt uns nachdenklich. Doch die Küste zieht uns weiter. Wir entscheiden uns gegen den Highway und für die beschauliche Lighthouse-Route. Erster Stopp ist eine French Bakery irgendwo im Nirgendwo: hervorragender Kaffee, Croissants wie in Paris — und Leute so unwiderstehlich freundlich und redselig, wie man sie wohl nur in Kanada trifft.

Unser Nachtlager schlagen wir in Argyle auf, in der Argyler Lodge. Eine Cabin direkt an der Lobster Bay vermittelt das ultimative Kanada-Gefühl. Und das Abendessen mit frischen Jakobsmuscheln — neben Hummer und Austern die Spezialität von Nova Scotia — macht den Tag perfekt.

Annapolis Valley: fruchtbares Herz von Nova Scotia

Immer der Küste entlang führt der Weg an die Bay of Fundy und ins Annapolis Valley, die Kornkammer von Nova Scotia. Äpfel, Wild Blueberries, Kürbisse, Wein, verschiedenstes Gemüse — das Tal ist mit einer reichen Ernte gesegnet. Typisch sind die zahlreichen Farmer’s Markets, vergleichbar mit unseren Hofläden, nur im XL-Format.

Als Weinliebhaber kommen wir nicht umhin, eine der Wineries zu besuchen. Wir entscheiden uns für Grand Pré, eines der ältesten Weingüter der Provinz — und zu unserer Überraschung im Besitz einer Schweizer Familie. Das rund 20 Hektaren grosse Gut wurde in den Neunzigerjahren von Ex-Banker Hanspeter Stutz gekauft und mit seiner Familie zu einem florierenden Betrieb mit Weinshop, Restaurant und kleinem Hotel entwickelt. Angebaut wird ein breites Spektrum an Traubensorten — vom L’Acadie Blanc über Chardonnay bis zu Riesling und Pinot Noir.

Kundinnen und Kunden zwischen Auslagen mit Gemüse und Blumen auf einem Farmer's Market im Annapolis Valley

Spektakel an der Bay of Fundy

Das fruchtbare Tal verdankt seinen Reichtum nicht zuletzt der Lage an der Bay of Fundy. Doch diese Bucht hat eine weitaus spektakulärere Seite. Thema Nummer eins ist hier der Tidenhub, der Unterschied des Wasserstandes zwischen Ebbe und Flut. Nirgendwo auf der Erde ist er grösser: Das Wasser steigt um durchschnittlich 13 Meter, bei Springflut auch 16. Die Bucht ist lang, eng und trichterförmig, das einströmende Wasser wird zusammengepresst, die Gezeitenwellen verstärken sich gegenseitig.

Nach einem Blick auf die Gezeitentabelle fahren wir nach Hall’s Harbour, einem kleinen Fischerdorf, bekannt für seinen pittoresken Hafen und das Lobster Pound, ein Restaurant direkt am Meer. Als wir um acht Uhr morgens eintreffen, beträgt der Wasserstand im Hafen 80 Zentimeter. Die Fischerboote liegen auf Sand und Schlamm, ausser ein paar Strassenarbeitern ist keine Menschenseele auszumachen — die Szenerie erinnert an ein verlassenes Dorf.

Fischerboote liegen bei Ebbe auf Sand und Schlamm im Hafenbecken von Hall's Harbour, die Kaimauer ragt hoch auf

Mit der Flut kehrt das Leben zurück

Um 17 Uhr ist das Dorf nicht wiederzuerkennen. Die Boote schaukeln auf dem Wasser, das unterdessen gut 13 Meter höher steht, Familien strömen ins Lobster Pound und wählen «ihren» Hummer aus dem Bassin. Mit der Flut ist das Leben ins Dorf zurückgekehrt.

Dieselben Fischerboote schwimmen bei Flut im vollen Hafenbecken von Hall's Harbour, das Wasser steht dreizehn Meter höher

Burntcoat Head: über den Meeresboden spazieren

Ebenso eindrücklich zeigt sich das Naturphänomen im Burntcoat Head Park. Bei Ebbe gehen wir über den roten — aber keineswegs toten — Meeresboden, zwischen Felsen, die wie Kolosse aus Sand und Stein aufragen. Der Boden ist weich und klebrig, die Schuhe sinken ein. In Pfützen huschen kleine Krebse, Muscheln kleben an Steinen, Algen glänzen im Nachmittagslicht. In wenigen Stunden wird alles wieder unter Wasser stehen — ein ewiger Rhythmus, vorgegeben von den Gezeiten.

Auf dem Weg nach Osten liegt Windsor, ein Städtchen, das sich stolz «the little town of big firsts» nennt: erste landwirtschaftliche Messe Nordamerikas, erstes englischsprachiges College Kanadas, erste überdachte Eisarena. Der grösste Stolz aber steht im Stadtslogan: Birthplace of Hockey. Auf dem Long Pond sollen bereits um 1800 die ersten Matches ausgetragen worden sein.

Prince Edward Island: Ruhe auf den Wellen

In nur 90 Minuten legt die Fähre die Strecke von Nova Scotia nach Prince Edward Island zurück. Kanadas kleinste Provinz liegt scheinbar eine Welt entfernt vom Alltag. Wer hier von Bord geht, betritt eine Insel, die einst Epekwitk hiess. So nannten die Mi’kmaq, die First Nation dieser Region, ihr Zuhause: «Ruhe auf den Wellen». Genau diese Ruhe ist überall zu spüren. Nichts drängt, alles läuft gemächlicher, entspannter, beinahe idyllisch.

Die Atmosphäre zeigt sich schon in Montague, unserer ersten Station. Eine kleine Gaststätte am Meer mit einem Countrysänger im Garten — und ein älteres Paar, das ganz einfach nicht stillsitzen kann und immer wieder perfekten Jive zwischen den Tischen hinlegt. Eine Situation, die auf der ganzen Terrasse sofort für gute Laune sorgt.

Rote Felsen und ruhiges Meer unter blauem Himmel an der Küste von Prince Edward Island

Grünes Paradies: Greenwich National Park

Ein Besuch in Kanada ist kaum vollständig ohne Abstecher in einen Nationalpark — 37 Parks und elf Reservate stehen zur Auswahl. Einer davon ist Greenwich auf Prince Edward Island, bekannt für seine «grünen Dünen». Der Weg führt zunächst durch dichte Wälder, bevor ein schwimmender Steg den Übergang in eine offene, fast surreale Landschaft markiert. Die sichelförmigen Dünen sind mit Strandhafer bewachsen, dessen Wurzeln den Sand festigen und ihm zugleich jenen charakteristischen grünlichen Ton geben.

Auch abseits der Natur bietet die Insel Geschichten. Eine davon erzählen Barbara und Thomas, ein schweizerisch-deutsches Paar, das sich 2020 trotz Pandemie den Traum vom eigenen Gästehaus erfüllte: 45 Steps — The Culinary Beachside Inn. «Dieses Haus ist für uns beide eine Herzensangelegenheit, ein wahr gewordener Traum», sagt Barbara.

Klimawandel hautnah

Prince Edward Island hat weit mehr zu bieten als Postkartenidylle. Auf der Insel arbeitet das Canadian Centre for Climate Change and Adaptation daran, die Folgen des Klimawandels greifbar zu machen. Dort treffen wir Ross. «Vor zwanzig Jahren war Maine das unangefochtene Zentrum der Hummerfischerei», sagt er. «Doch mit der Erwärmung der Meere sind die Hummer weiter nach Norden gewandert. Heute ist der Südosten Kanadas zu einem neuen Hotspot geworden.»

Was für die Insel zunächst ein wirtschaftlicher Gewinn war, könnte sich bald ins Gegenteil verkehren: Setzt sich der Trend fort, wandern die Bestände weiter in kühlere nördliche Gewässer ab — und mit ihnen eine der wichtigsten Einnahmequellen. Ähnliches zeigt sich an Land, wo der Kartoffelanbau unter steigenden Temperaturen und neuen Schädlingen leidet. Das Institut arbeitet mit Landwirten an angepassten Sorten. Wissenschaft findet hier nicht im Elfenbeinturm statt, sondern im Austausch mit Bauern, Fischern und Gemeinden.

Mi’kmaq: First Nations im Fokus

Niemand ist länger mit dieser Insel verbunden als die Mi’kmaq. Für sie ist Prince Edward Island seit Jahrtausenden Heimat. Mit den französischen Siedlern in Acadia pflegten sie Handelskontakte; als die Briten 1713 die Region übernahmen, begann der Verlust von Land und Rechten. Während die Acadier vertrieben wurden, mussten sich die Mi’kmaq zwischen Missionierung, Enteignung und Diskriminierung zurechtfinden.

Heute erheben sich ihre Stimmen wieder. Auf Lennox Island und in der Abegweit First Nation entstehen Schulen, Kulturprogramme und Wirtschaftsinitiativen, die Sprache Mi’kmawi’simk wird in Kursen gelehrt, Kinder lernen wieder traditionelle Lieder. Gleichzeitig kämpfen die Gemeinschaften mit Arbeitslosigkeit, eingeschränktem Zugang zu Gesundheitsdiensten und offenen Landrechtsfragen. Der Blick bleibt trotzdem nach vorn gerichtet: «Wir sind nicht verschwunden», sagt Chief Thabata auf Lennox Island. «Wir sind immer noch hier — und wir gestalten unsere Zukunft selbst.»

Charlottetown: Geburtsort Kanadas

In Charlottetown, der Hauptstadt der Insel, wurde der Grundstein für das moderne Kanada gelegt. Im September 1864 trafen sich hier Vertreter von Nova Scotia, New Brunswick, PEI und der damaligen Provinz Kanada zur Charlottetown-Konferenz, um über eine Union der Provinzen zu diskutieren. Was als regionales Projekt begann, entwickelte sich rasch zur Vision eines einheitlichen Bundesstaates.

Doch was die Stadt international wirklich auf die Landkarte gebracht hat, ist keine Verfassungsgeschichte, sondern ein rothaariges Waisenkind: Anne Shirley aus Lucy Maud Montgomerys Roman «Anne of Green Gables» von 1908. Das «kanadische Heidi» ist längst ein florierender Merchandising-Markt — Schokolade, Kartoffelchips, Sugar Fudge, Plüschtiere, Tee und Puzzles, alles mit Anne-Label. Ein Höhepunkt für Fans ist das Hotel Dalvay-by-the-Sea, das im Film als «White Sand Hotel» dient: ein prachtvolles viktorianisches Herrenhaus, dessen Salon mit plüschigen Sesseln geradezu zu Scones und Tee einlädt.

Nach zehn Tagen entlang von Küsten, Wäldern und Dünen, zwischen Hummerfischern, Winzern und Geschichtenerzählern lassen wir die Reise Revue passieren. Überall stehen sie — die ikonischen Muskoka-Stühle, auf jeder Veranda, an jedem Strand, in leuchtenden Farben. Sie laden ein zum Sitzen, zum Ausruhen, zum Schauen und Nachdenken. Genau wie Kanada selbst: eine Einladung, die Natur zu spüren und den Geschichten der Menschen zu begegnen. Ein Ort, der lange im Herzen bleibt.

Informationen

Anreise — Edelweiss fliegt saisonal nonstop von Zürich nach Halifax: flyedelweiss.com

Übernachten in Nova Scotia — Sutton Place Hotel in Halifax, Black Forest Cabins in Mahone Bay, Argyler Lodge in Glenwood, Seek Wilderness in Truro

Übernachten auf Prince Edward Island — Rodd Brudenell River Resort in Cardigan, 45 Steps in St. Peter’s Bay, Dalvay-by-the-Sea in York, The Great George in Charlottetown

Essen — The Lobster Pound in Hall’s Harbour, Betty’s at the Kitch in Mahone Bay, Sims Corner in Charlottetown. Überall reservieren.

Gut zu wissen — Nova Scotia und PEI sind dünn besiedelt, die Internetverbindung ist nicht überall zuverlässig. Offline-Karten im WLAN herunterladen.

Text: Brigitte und Hannes Huggel

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