48 STUNDEN IN BUENOS AIRES
Der Schlaf kann warten
Paris Lateinamerikas. Welthauptstadt des Fussballs. Grossartige Steaks. An jeder zweiten Strassenecke ein Tangolokal. Es gibt Klischees, die sind kitschig. Und dann gibt es Klischees, die ganz einfach zutreffen. Die argentinische Hauptstadt zählt zur zweiten Kategorie.
S ehenswürdigkeiten für Touristen hat Buenos Aires realistisch betrachtet wenige zu bieten. Es gibt keinen Eiffelturm, kein Prado-Museum, keine Harbour Bridge wie in Sydney, keinen Times Square — und der Torre Monumental ist nur ein kläglicher Nachbau des Londoner Big Ben. Buenos Aires ist anders. Diese Stadt muss man erleben, um sie auch nur annähernd zu begreifen.
Sechzehn Millionen am Río de la Plata
Die grösste Metropole Argentiniens und der zweitgrösste Ballungsraum Südamerikas liegt am Westufer der Mündung des Río de la Plata. Der Fluss ist eine meist übel stinkende Kloake, zählt er doch zu den meistverschmutzten Strömen der Welt. Der Bezirk, dem 1994 Autonomie gewährt wurde, deckt 3800 Quadratkilometer ab und ist Lebensraum von geschätzt sechzehn Millionen Menschen — mehr als ein Drittel der Bevölkerung Argentiniens.
Einheimische bezeichnen sich als «Porteños», was sich von «puerto» ableitet, dem Hafen. Es ist die internationale Herkunft der Bewohner, die sie stolz macht: Im Laufe der Jahrzehnte sind Menschen aus allen Erdteilen angekommen und haben hier ihr neues Zuhause gefunden. Diese Vielfalt spiegelt sich in der ausgeprägt multikulturellen Küche der Hauptstadt.
Kulinarische Weltreise
Wer Abwechslung liebt, ist in Buenos Aires am richtigen Ort. Die Restaurants der Stadt sind vom kulturellen Hintergrund der Immigranten geprägt. Von koreanischem Kimchi über deutsches Bauernfrühstück zu hausgemachter italienischer Pasta, von japanischer Ramen-Suppe zu armenischem Lamajoun bis hin zu spanischem Bohneneintopf und peruanischer Ceviche — die Auswahl ist grenzenlos.
Landestypisch ist trotzdem noch immer Fleisch, bevorzugt als lokales Steak. Steakhäuser gibt es scheinbar an jeder Strassenecke, mit Stücken von Bife de Chorizo über Vacio bis zu Ojo de Bife. Steht wenig Zeit zur Verfügung, ziehen Einheimische Choripán zu Hilfe, die argentinische Version des Hotdog: eine Chorizo im Baguette mit Gemüse und schmackhafter Chimichurri-Salsa. Sehr lecker sind auch Empanadas, gefüllte und frittierte Teigtaschen. Und Locro, ein Eintopf aus Kürbis und Mais mit Chorizo, Speck oder Innereien, geniessen Argentinier am liebsten in der kalten Jahreszeit.
Wer einen süssen Zahn hat, sollte Dulce de Leche probieren. Die zähflüssige Karamellcrème findet in unzähligen Desserts Verwendung, wird aber auch als Brotaufstrich serviert.
Avenida 9 de Julio
Die Avenida 9 de Julio trumpft mit monumentalen Dimensionen auf. Links und rechts eines baumbestandenen Grünstreifens verlaufen je zehn Fahrspuren. Bis 1960 war sie mit 140 Metern die breiteste Strasse der Welt. Zu ihren architektonischen Höhepunkten zählt der berühmte Obelisk, in dem sich auf 67 Metern Höhe eine Aussichtsplattform befindet.
An diesem Asphaltfluss liegt auch das Teatro Colón. Das prunkvolle, 1908 erbaute Opernhaus hat eine weltweit einzigartige Akustik. Hier sangen Caruso und Maria Callas, Strauss und Strawinsky dirigierten die Orchester. 1950 gab Daniel Barenboim, der argentinisch-israelische Pianist und Dirigent von Weltklasse, als Siebenjähriger hier sein allererstes Konzert.
Mit Ausblick: Palacio Barolo
Buenos Aires ist ein scheinbar unendliches Häusermeer. Um die Strassenschluchten einordnen zu können, lohnt sich ein Ausblick von oben. Der Palacio Barolo im Stadtteil Montserrat war im Baujahr 1923 mit 100 Metern und 22 Stockwerken das höchste Gebäude der Stadt. Von der obersten Etage schweift der Blick über die Avenida de Mayo und die Plaza del Congreso bis zum Parlamentsgebäude mit seiner imposanten grünen Kuppel. Wer an einer Führung teilnimmt, gelangt sogar bis aufs Dach.
La Boca: bunte Häuser, Tango und Fussball
Das Hafenviertel La Boca ist einer von 48 Barrios in Buenos Aires und gleichzeitig synonym für Tango und Fussball. Die bunten Wellblechhäuser entlang der kleinen Gasse Caminito gehören zu den meistfotografierten Motiven der argentinischen Hauptstadt.
La Boca — gleichbedeutend mit «Mündung» — wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts von Einwanderern gegründet. Arme, meist junge Männer aus Italien und Spanien suchten auf dem neuen Kontinent ein besseres Leben. Viele arbeiteten als Tagelöhner am Hafen. Ihre Unterkünfte waren simple Holzverschläge und Wellblechhäuser, die sie nach und nach mit nicht mehr benutzten Planken, Brettern und Farbresten aus dem Schiffbau verschönerten. Heute sind viele der kunterbunten Häuser renoviert und farbenprächtiger als je.
Im Viertel befindet sich die wichtigste Rasenbühne ganz Argentiniens. Das Stadion der Boca Juniors trägt den Übernamen La Bombonera, die Pralinenschachtel. In dieser Arena zauberte einst der junge Diego Armando Maradona — der fussballverrückten Nachwelt bleibt er als Bronzefigur erhalten. La Boca gehört noch heute zu den ärmeren Stadtteilen: Wertsachen bleiben am besten im Hotel, verlassene Seitengassen und die Abendstunden meidet man besser.
Ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann
Tango ist der argentinische Ausdruck von Leidenschaft, Melancholie und Schmerz. Er entstand Mitte des 19. Jahrhunderts in La Boca, ursprünglich als fröhlicher Tanz, der schwarze, kreolische und spanische Elemente vereinte. In seiner Anfangsphase galt er als verrucht; die Musik verbreitete sich in den Bordellen und ärmlichen Stadtteilen.
Die grossen Immigrationswellen des späteren 19. Jahrhunderts liessen die Stadt aus allen Nähten platzen. Vor allem Italiener hofften, ihr Glück im vermeintlich reichen Argentinien zu finden; um die Jahrhundertwende lebten in Buenos Aires mehr italienische Zuwanderer als Argentinier. Die Stadt war überfordert, bald wurden Zuwanderer abgelehnt. Keine Arbeit, zu wenig Status, zu wenig Frauen: Viele der mittellos gewordenen Zuzügler rutschten in die Kriminalität ab und suchten das Vergessen in Spielhöllen, Bordellen — und in der Musik. Nur auf dem Parkett konnten sich die Machos furchtlos und stark zeigen, aber auch einsam und traurig. Fröhlichkeit war Melancholie und Wehmut gewichen. Enrique Santos Discépolo, einer der ganz Grossen des argentinischen Tango, soll einmal gesagt haben, Tango sei ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann.
Erst nachdem er in Paris seinen weltweiten Siegeszug angetreten hatte, wurde Tango zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch in Argentinien gesellschaftsfähig. Es entstanden Tanzcafés und Tango-Theater nach französischem Vorbild, selbst in den Kinos untermalten Tango-Orchester die Stummfilme. Heute reicht das Angebot von glamourösen Shows über Tango-Restaurants und Milongas bis zu Tanzschulen — man kann zuschauen oder die eigenen Tanzschritte perfektionieren.
Wo Bücher ins Theater gehen
Die argentinische Hauptstadt ist ein Paradies für Fans gedruckter Bücher. In praktisch jedem Barrio gibt es kleine Buchläden, viele sogar mit integriertem Café, in dem Porteños innehalten und schmökern. Das Kronjuwel ist zweifellos der bombastische El Ateneo Grand Splendid, ein ehemaliges Theater aus dem Jahr 1919. Wo sich einst die Bühne befand, ist heute ein Café; in den Logen stehen bequeme Sessel, in die sich Besucherinnen und Besucher lesend zurückziehen. Von der Decke strahlt ein Gemälde aus der Bauzeit, das vom Waffenstillstand zur Beendigung des Ersten Weltkrieges erzählt. Der «Guardian» bezeichnete das Geschäft einmal als den zweitschönsten Buchladen der Welt.
Mercado de San Telmo
San Telmo war einst das Wohnviertel einer wohlhabenden Bevölkerungsschicht. Als eine Gelbfieberepidemie sie 1871 in den Norden der Metropole ziehen liess, übernahmen Immigranten die grossen Häuser mit ihren gepflegten Hinterhöfen. Der Markt mit seiner typisch italienischen Fassade wurde 1897 erbaut, um den Bedürfnissen der neuen Einwanderer aus Europa zu entsprechen.
Antiquitäten, Kunsthandwerk oder hundert Jahre altes Spielzeug, Kaffee aus Papua-Neuguinea, alle Gewürze dieser Welt, patagonische Pasteten oder Mangos aus Taiwan — all dies bietet die Halle. Am Stand von Coffee Town soll der beste Kaffee der Stadt serviert werden. Die Stände wurden zwar modernisiert, die innere Struktur mit ihren Metallsäulen und -balken ist aber noch immer dieselbe, sodass man sich beim Betreten in eine andere Zeit zurückversetzt fühlt. 2000 wurde der Mercado zum nationalen historischen Denkmal erklärt.
El Cementerio de la Recoleta
Im eleganten Luxusviertel Recoleta befindet sich der gleichnamige Friedhof, letzte Ruhestätte für Prominente und die Eliten des Landes. 7000 imposante Mausoleen sollen es sein, und jedes trägt seinen Teil zum prunkvollen Bühnenbild dieser Stadt der Toten bei. Hier liegt Eva Perón begraben, die legendäre Frau des ehemaligen Präsidenten Juan Perón. Als sie 1952 verstarb, war sie unbestreitbar die zweitmächtigste Person Argentiniens — von den Arbeiterinnen und Arbeitern vergöttert, obwohl «Evita» in der Regierung ihres Gatten kein offizielles Amt innehatte.
Der mehr als fünf Hektar grosse Friedhof wurde Ende des 19. Jahrhunderts angelegt und prunkt mit prächtigen Grabsteinen, monumentalen Mausoleen und einer schneeweissen Kirche mitten im Areal. La Recoleta ist aber auch eine anmutige Grünanlage, die Einheimische wie Reisende als stillen Ort in der Hektik der Metropole nutzen.
Palermo — das hippste Viertel der Stadt
Wer nach Buenos Aires reist und Palermo nicht besucht, ist nicht in der argentinischen Hauptstadt gewesen. Hier liess sich einst die Bohème nieder, heute ist es das hippste Viertel der City — einer der vier Teile lohnt sich so sehr wie der andere.
Alt-Palermo, Palermo Viejo, ist voller schicker Lokale, die für viele Einheimische allerdings unbezahlbar sind; dazu kommen angesagte Kneipen, Boutiquen und der Antik- und Flohmarkt Dorrego. Palermo Hollywood heisst der nördliche Teil, weil hier viele Fernsehstudios und Produktionsfirmen sitzen — und weil die Menschen oft die ganze Nacht hindurch feiern. In Palermo Soho leben, arbeiten und verkaufen kreative Designerinnen und Designer. Wer es ruhiger mag, findet bei der Plaza Italia den Bosques de Palermo, einen 25 Hektar grossen Stadtpark mit Hainen und Seen; im Rosengarten El Rosedal verwöhnt der intensive Duft der Blüten die Nase.
Noch gilt das Viertel als eines der schönsten der Stadt. Doch ein hungriger Bauboom und der Appetit von Immobilienspekulanten haben auch Palermo erreicht: Mehr und mehr der kleinen Häuser aus der Gründerzeit werden aufgekauft und abgerissen, um seelenlosen Betonklötzen Platz zu machen. Aber noch fahren die Autos langsam über die Pflastersteinstrassen, und anstelle anonymer Häuserblocks stehen niedrige Häuser im spanischen Kolonialstil.
Wann die Menschen in Buenos Aires schlafen, bleibt ein Rätsel: Sie essen sehr spät und gehen danach tanzen. Trotzdem kennt man in der Hauptstadt keine Siesta, anders als im ländlichen Inland Argentiniens. Eine ideale Voraussetzung, um in 48 Stunden die Essenz dieser Stadt zu erleben.
Weitere Informationen
Beste Reisezeit — Frühling von März bis Mai oder Herbst von September bis November: Dann liegen die Temperaturen tagsüber zwischen 20 und 26 Grad. Im Südsommer von Dezember bis Februar ist die Hitze für Europäer kaum auszuhalten. Im Frühling verwandeln Jacarandas die Stadt in ein violettes Blütenmeer.
Übernachten — Home Hotel Buenos Aires im Stadtteil Palermo: ein trendiges Boutique-Hotel mit 20 Zimmern, wildem Garten, Swimmingpool und natürlichem Spa im stillen Hinterhof. Kein Hochglanz, sondern ein Zuhause fernab von zu Hause. homebuenosaires.com
Essen — Cabaña las Lilas im Hafenviertel Puerto Madero ist eine Parrilla, besticht aber durch hochwertige Speisen und tadellosen Service. Das Fleisch stammt nach dem Prinzip «farm to table» von eigenen Rindern aus Weidehaltung. Zum Beweis der Zartheit schneiden die Kellner jedes Steak am Tisch mit einem Löffel auf. restaurantlaslilas.com.ar
Text: Matthias Reimann

