MALAYSIA
Augenschmaus und Gaumenfreuden
Das südostasiatische Königreich Malaysia wird gerne zugunsten des Tourismusgiganten Thailand übersehen, dabei hat es so viel zu bieten: Es punktet nicht nur mit landschaftlicher Vielseitigkeit, sondern ist auch kulturell, kulinarisch und sprachlich geprägt von Abwechslungsreichtum. Jahrhunderte der Migration haben einen Vielvölkerstaat hervorgebracht und ihre Spuren in den Küchen des Landes hinterlassen.
D ie Vielfalt, die sich in den Kochtöpfen Malaysias findet, ist in erster Linie der Geschichte des Landes und der multiethnischen Zusammensetzung seiner Bevölkerung geschuldet: Die drei grössten ethnischen Gruppen — Malaien, Chinesen und Inder — haben ein lukullisches Potpourri geschaffen, das sich aus den Gerichten Nord- und Südindiens, Chinas und Hongkongs, des malaysischen Festlands und Borneos speist.
Ein Vielvölkerstaat und seine Küchen
Das Essen spielt für alle Malaien eine bedeutende Rolle — und zwar unabhängig davon, welcher Bevölkerungsgruppe sie angehören. Mahlzeiten werden gerne gemeinschaftlich unter freiem Himmel eingenommen, und quer durchs Land ist an Imbissständen oder auf Märkten vom Frühstück bis zum Mitternachtssnack alles zu haben. Die recht spartanische Ausstattung der meisten Freiluftküchen tut der Kochkunst keinen Abbruch — es werden teils komplexe Speisen zubereitet, und eines ist immer sicher: Es schmeckt.
Peranakan-Küche und farbige Fassaden
Während die einzelnen Regionen und Ortschaften ihre jeweils eigenen, durch lokale Migrationsmuster und regionale Zutaten geprägten Spezialitäten hervorgebracht haben, gibt entlang der Strasse von Malakka die sogenannte Peranakan-Küche den Ton an. Diese spannende Mischung aus chinesischen und malaiischen Einflüssen mit indonesischen Einsprengseln, die sich entlang der alten Gewürzroute entwickelt hat, wird heute vor allem in Penang und Malakka aufgetischt — und sie ist eigentlich Grund genug für einen Besuch der Region.
Doch als bräuchte es noch einen weiteren Anreiz, sind diese beiden ehemaligen Umschlaghäfen der British East India Company in den letzten Jahren zu echten Hotspots der Strassenkunst mutiert. Dasselbe gilt für die einstige Hochburg des Zinnabbaus Ipoh, denn auch hier gleicht das Stadtbild einem Gefüge aus Gebäuden im britischen Kolonialstil mit lokalen, chinesischen, indischen und islamischen Elementen, die eine durchaus ansprechende Symbiose eingehen. Im Falle von George Town und Malakka hat dies im Jahr 2008 zur Verleihung des UNESCO-Weltkulturerbestatus geführt, und im Zuge dessen wurden die ersten Street Artists eingeladen, ihre Spuren an den Wänden zu hinterlassen.
Was damals seinen Anfang nahm, hat sich mittlerweile zu einem echten Phänomen entwickelt und bringt noch mehr Farbe in die ohnehin schon bunten Strassenzüge. Für mich ist das Anlass genug, die landschaftlichen Highlights, die Dschungelgebiete, Teeplantagen und klassischen Badeinseln aussen vor zu lassen und gezielt jene urbanen Räume anzusteuern, die eines verbindet: eine unschlagbare Fusion aus kulinarischem Genuss und künstlerischem Ausdruck, die beide mit Vorliebe im öffentlichen Raum zelebriert werden.
George Town — Wiege des Street-Art-Booms
Ein Spaziergang durch den historischen Stadtkern gleicht einer Reise durch die bewegte Geschichte des Landes, etwa in der Pitt Street, wo sich innerhalb weniger Meter eine Moschee und eine anglikanische Kirche neben einem taoistischen und einem hinduistischen Tempel befinden, was ihr den Beinamen «Street of Harmony» eingebracht hat. Die meisten Gebäude sind gut erhalten, und immer wieder kommt man an den für die Region typischen Dreirädern vorbei, den sogenannten «Trishaws», die, am Strassenrand parkiert, wunderbare Fotomotive abgeben.
Doch nicht nur diese klassischen Gefährte, die früher in erster Linie zum Transport von Lasten genutzt wurden und heute hauptsächlich Touristen von A nach B bringen, lassen sich fotografisch in Szene setzen. Auch die Unmenge an bunten Wandmalereien, die die Fassaden zahlreicher Häuser zieren und durch die Einbindung von Alltagsgegenständen eine dreidimensionale, lebendige Anmutung haben, sind durchaus fotogen — und ein echter Touristenmagnet. Die ersten dieser Gemälde wurden ab 2010 geschaffen, sodass sie mittlerweile etwas in die Jahre gekommen und verblasst sind. An Strahlkraft haben sie dennoch nicht verloren — im Gegenteil: Die Patina verleiht den Kunstwerken einen ganz eigenen Reiz.
Ein Verdauungsspaziergang durch die Open-Air-Galerie
So pittoresk und fotogen der Hauptort auf Penang sein mag, bekannt ist er vor allem für seine wohlschmeckende Küche. Das örtliche Tourismusbüro hat eine praktische Karte mit den besten Restaurants und Imbissständen herausgegeben; alternativ kann man sich einfach von der eigenen Nase leiten lassen oder den längsten Menschenschlangen folgen. Die meisten für die Insel charakteristischen Gerichte sind chinesischen Ursprungs und stehen in Abwandlungen auch andernorts auf den Speisekarten, wie Chee Cheung Fun — breite Reisnudeln, die aufgerollt und mit einer dickflüssigen Garnelenpaste sowie Chilisauce gerne als Snack oder sogar schon zum Frühstück verzehrt werden — oder Omelette mit Austern.
Die besten Mahlzeiten sind oft an den einfachsten Ständen zu haben, und um von einer Garküche zur nächsten zu gelangen, geht man am besten zu Fuss. Da ist es ideal, dass George Town relativ kompakt ist und sich Wandgemälde häufig in nächster Nähe zueinander beziehungsweise zum nächsten Street Food Market befinden. So lässt sich quasi ein Verdauungsspaziergang durch eine Open-Air-Galerie unternehmen, und zum Dessert landet man an einem Stand, der bereits seit 1936 das berühmte Chendul — oder Cendol — verkauft, ein Klassiker der malaysischen wie auch indonesischen Küche: Nüdelchen aus grünem Gelée, gereicht mit Kokosmilch und Palmzucker.
Als Kulisse dient das Bildnis eines Mannes, der Cendol aus einer Schale löffelt, geschaffen vom Kanadier Emmanuel Jarus, der seine Werke unter dem Pseudonym Young Jarus signiert. Es ist mein Favorit unter all den Exponaten, die sich in George Town im öffentlichen Raum bewundern lassen, nicht zuletzt deshalb, weil hier Kunst und Realität geradezu miteinander zu verschmelzen scheinen.
Ipoh — Shabby Chic und religiöser Kitsch
Der nächste Stopp auf meiner Reise ist Ipoh, nur wenige Stunden von Penang entfernt im Landesinneren gelegen und einfach per Fähre und Bus erreichbar. Auch Ipoh hat eine multiethnische Bevölkerung, hier dominieren jedoch katholische Kirchen sowie farbenprächtige hinduistische und buddhistische Tempel, während die Strassen in der Innenstadt von chinesischen Bürgerhäusern und Bauten im Kolonialstil gesäumt werden. Teilweise adrett herausgeputzt, teilweise etwas verfallen und marode, verleihen sie dem früheren Zentrum des Zinnabbaus eine Atmosphäre, die sich nicht so recht verorten lässt — irgendwo zwischen altertümlichem Charme und post-industriellem Shabby Chic, wie ich finde.
Ähnlich wie in George Town stehen auch hier Gerichte chinesischen Ursprungs weit oben auf den Speisekarten, die örtliche Delikatesse ist jedoch Ayam Tauge, Huhn mit Bohnensprossen. Eine weitere Spezialität ist der sogenannte White Coffee, der sich laut «Taste Atlas» neben Cappuccino, türkischem Kaffee und Ristretto in die zehn besten Kaffeegetränke der Welt einreiht. Der Name leitet sich von der sehr eigenwilligen Behandlung der Bohnen ab: Sie werden vor der Mahlung in Margarine geröstet, was ihnen angeblich einen milderen und leicht karamellisierten Geschmack verleiht. Seine weiss angehauchte Farbe erhält der Ipoh White Coffee von der dickflüssigen Kondensmilch, mit der er serviert wird.
Der Bedeutung des weissen Kaffees wird in einem der Wandgemälde Rechnung getragen, das die Handschrift von Ernest Zacharevic aus Litauen trägt, während sich andere Kunstwerke mit dem Alltag vor Ort beschäftigen, wie etwa «Trishaw», das an einer Hauswand in der Market Lane einen Müllsammler bei der Arbeit zeigt. Dem feucht-heissen Klima ist es geschuldet, dass viele der Arbeiten mit der Zeit verblassen oder ganz verschwinden — doch nicht selten werden sie einfach durch neue Kreationen ersetzt.
Tempel in den Kalksteinfelsen
Wer im Zentrum zu wenig Farbe findet, der wird vor den Toren der Stadt fündig, nämlich in einem der zahlreichen hinduistischen oder buddhistischen Tempel, die sich in den Höhlen oder auf den Gipfeln der Kalksteinfelsen im Umland befinden. Wem es angesichts der hohen Temperaturen und der noch höheren Luftfeuchtigkeit nicht zu anstrengend zum Wandern ist, der wird hier ebenso seine Freude haben wie all jene, die es gerne farbenprächtig, pompös und mitunter kitschig mögen.
Die Gestaltung der einzelnen Tempel steht in starkem Kontrast zum strengen Interieur christlicher Kirchen: Hier finden sich vergoldete Gottheiten neben Fröschen, Drachen und anderem Getier, während der Rauch Tausender Räucherstäbchen für atmosphärische Stimmung sorgt. Am Eingang des taoistischen Tempels Ling Sen Tong etwa erinnert eine der Figuren stark an eines der drei kleinen Schweinchen, und sie führt einen Esel an einem Strick spazieren. Der Fantasie sind wahrlich keine Grenzen gesetzt. Und wo das Optische grosszügigen Interpretationsspielraum zulässt, wird andernorts nachgeholfen: Kleine Tafeln neben einem Opferstock geben Anregung für die richtigen Wünsche ans Universum, von der ewigen Liebe bis zur Realisierung eines jeden Traums. Wer weiss, gegen einen kleinen finanziellen Beitrag könnten sie eventuell sogar in Erfüllung gehen.
Malakka — Heimat der Peranakan
Malakka, einst einer der reichsten Häfen entlang der Gewürzroute von Indien nach Europa, hat sich bis heute sein multikulturelles Erbe erhalten, und die jahrhundertelange Geschichte lässt sich an den Fassaden in ihrem Mix architektonischer Stile ablesen. Der kompakte Ortskern ist geprägt von Einflüssen, die von portugiesisch über niederländisch bis britisch-imperial reichen, und die Namen einzelner Strassenzüge erinnern ebenso an die einstigen Siedler aus Übersee wie der Fluss, der sich in Form eines holländisch anmutenden Kanals durch den Ort windet.
Doch das Geschehen im Herzen Malakkas wird von einem überdimensionalen goldenen Karnickel dominiert, Sinnbild für das chinesische Jahr des Hasen, in dem ich unterwegs bin. Es beobachtet von seinem Sockel die zahlreichen Tagestouristen, die sich vor den Souvenirläden in Chinatown drängeln. Vor allem chinesische Gruppen reisen in grossen Bussen aus Kuala Lumpur oder Singapur an, um hier auf geschichtsträchtigen Pfaden zu wandeln. Kein Wunder: Die beiden Hauptschlagadern, die Jonkers und die Heeren Street, sind bestens erhaltene Zeugen des Reichtums, der einst in der Gegend herrschte.
Eigene Sprache, eigene Küche
Sie geben zugleich einen Einblick in die Peranakan-Kultur, die hier und in Singapur ihren Ursprung fand. Auch als Baba-Nyonya oder Straits-Chinesen bekannt, stammt diese Volksgruppe von buddhistisch-taoistischen Chinesen ab, den Babas, die sich im 18. Jahrhundert als Arbeiter, Händler und Minenbetreiber in der Gegend niederliessen und Verbindungen mit den ansässigen muslimischen Malaiinnen, den Nyonyas, eingingen. Die Peranakan haben ihre eigene Kultur und Sprache sowie ihren eigenen Kleidungsstil und vor allem ihre eigene Küche entwickelt.
Das wohl bekannteste Gericht der Stadt ist Nyonya Laksa, eine üppige Suppe, die mit Kokosmilch und gerne mit Garnelen zubereitet wird, während gebackener Fisch auf einem aus Portugal importierten Rezept basiert. Zum Dessert gibt es Cendol, die grünen Geléenudeln, oder Kuih-Muih: Küchlein, Kekse oder pikante Snacks, die in ihrer Farbenpracht und Formenvielfalt wahren Kunstwerken ähneln. Doch nicht nur das Essen ist farbenfroh, dasselbe gilt für das Geschirr, auf dem es serviert wird — die Peranakan legen viel Wert auf Ästhetik, und zwar in allen Lebensbereichen.
Einen guten Eindruck davon erhält man im Baba & Nyonya Heritage Museum, einem gut erhaltenen und kunstvoll gestalteten Bürgerhaus, das Besuchern seit 1985 Einblick in den Alltag seiner früheren Bewohner gewährt. Apropos Kunst: Werke von Strassenkünstlern sind in Malakka weniger weit verbreitet als in George Town oder Ipoh und konzentrieren sich grösstenteils entlang des Kanals, sodass sie entweder bei einer gemächlichen Bootstour oder einem Spaziergang erkundet werden können.
Dafür überbieten sich die Trishaws, die hier mindestens ebenso allgegenwärtig sind wie auf Penang, in ihrer kreativen Gestaltung — geflügelte Ponys in allen Farben des Regenbogens scheinen dabei der letzte Schrei zu sein. Und im Gegensatz zum übergrossen goldenen Hasen, der seinen Platz zugunsten eines Drachen aufgeben muss, wenn das chinesische Jahr zu Ende geht, haben sie wohl kein Ablaufdatum.
Weitere Informationen
Kunst — «Man Eating Cendol» befindet sich in der Lebuh Keng Kwee in George Town. Die bekanntesten Kunstwerke im öffentlichen Raum sind, ähnlich wie die beliebtesten Essensstände, auf einem eigenen Stadtplan eingetragen, den es bei der Touristeninformation gibt.
Kulinarik — Die meisten Garküchen öffnen am frühen Abend und stehen selten einzeln, sodass von der Vorspeise bis zum Dessert alles an einem Platz zu haben ist. Einer der beliebtesten Street Food Markets findet allabendlich in der Lebuh Chulia statt.
Michelin in Malaysia — Mit der Ausgabe 2023 hat es der Guide Michelin nach Malaysia geschafft. Von den fünf ausgezeichneten Restaurants befinden sich zwei in George Town: Das «Au Jardin» bietet zeitgenössische europäische Küche in einem ehemaligen Busdepot, in «Auntie Gaik Lean’s Old School Eatery» wird klassische Nyonya-Küche serviert.
George Town Festival — Das Festival findet jeden Sommer statt und widmet sich Künstlerinnen und Künstlern verschiedener Genres.
Text und Bilder: Christina Leitner

