KVARNER BUCHT
Eine Wucht, die Kvarner Bucht!
Wo Mitteleuropa den Mittelmeerraum küsst: Im Norden Kroatiens mündet das raue Bergland ins Mediterrane, und Geniesser fühlen sich rundum wohl. Die Top-Kulinarik! Die noblen Küstenorte! Die herrlichen Strände samt klarstem Wasser! Und nicht zuletzt die Inseln – jede für sich individuell, spannend und vielseitig!
W ar das grad Harry Kane, der uns da entgegenjoggte? «Schon möglich», meint Livio Karavanić, «schliesslich hat das englische Fussballnationalteam in einem der Hotels hier am Lungomare eingecheckt.» Es wäre wahrlich nicht der erste VIP, den es nach Opatija verschlägt. An der «Wall of Fame» im Angiolina Park erinnern Graffiti-Porträts an Albert Einstein, Anton Tschechow, Robert De Niro und Isadora Duncan – die Wegbereiterin des Ausdruckstanzes soll von Opatijas Palmen im Wind zu ihrem freien Tanzstil inspiriert worden sein. Aha!
Die Wiege des Tourismus
Friedrich Julius Schüler ist sogar eine Statue gewidmet. Er prognostizierte vor rund 150 Jahren, dass man künftig nicht mehr nur aus religiösen Gründen verreisen würde, sondern zum Baden und Erholen. Steile These! Als langjähriger Generaldirektor der Südbahn-Gesellschaft trug er kräftig dazu bei, dass sie eintraf. Zum mondänen Kurort der Donaumonarchie machten Abbazia, so der alte Ortsname, aber vor allem die Empfehlungen des Adels, allen voran von Kaiserin Maria Anna. Immer mehr Schöne und Reiche aus Wien trafen an der Adria ein. Sie lobten die bequeme Anreise mit dem Zug, das milde Klima vor allem im Winter – und dass es hier, anders als in den böhmischen Heilbädern, statt Heilwasser Köstlicheres zu schlürfen gab: Einspänner und Wiener Melange in feinen Kaffeehäusern.
Dazwischen flanierte man stundenlang auf dem Lungomare, unterbrochen von einem Plausch, einer Rast auf einer Bank, einem Schnuppern am Lorbeer oder Sternjasmin. Der zwölf Kilometer lange, Fussgängern vorbehaltene Schlängelweg von Lovran nach Volosko ist bis heute kurzweilig: mal in kleine Buchten, mal an einen Badestrand, mal leicht bergan.
«Der Lungomare ist unser Wohnzimmer»
«Hier trifft man sich, hier feiert man. Einheimische wie Gäste. Alle sind willkommen», sagt Livio, der Gäste aus aller Welt durch Opatija führt. Die auffallende Toleranz erklärt er mit seiner Familie: «Alle wurden in der Gegend geboren, aber meine Grossmutter noch in der Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie, meine Eltern als Italiener, ich in den 60ern im sozialistischen Jugoslawien unter Tito, die Kinder meines Bruders in der Republik Kroatien und die Allerjüngsten obendrein als EU-Bürger.»
Eine Reise nach Opatija ist in der Tat eine Zeitreise. Jugendstilvillen lassen den k.u.k.-Charme auferstehen, im «Caffè Wagner» wird Sachertorte gereicht, im Kristallsaal des «Hotel Kvarner» unter XXL-Lüstern Konzerten gelauscht. Regelrecht bescheiden kommt dagegen das «Mädchen mit der Möwe» daher, und doch hat es die 1956 nah am Wasser aufgestellte Bronzestatue zum Wahrzeichen der Stadt geschafft. Livio zitiert seine Oma: «Schon so viele Jahrzehnte alt und keine Falte: Die Figur soll uns Frauen wohl daran erinnern, dass wir nicht altern sollen.»
Vom Liegestuhl ins Meer
Damit das auch bei Urlauberinnen und Urlaubern klappt, helfen in Opatija und im nahen Lovran mehr als ein Dutzend Schönheits- und Gesundheitskliniken nach, die Wellnessbereiche der Hotels sowieso. Zu den Highlights zählt aber auch das Bad im Meer, das hier wie so oft in der Kvarner Bucht klar, mitunter gar türkis schimmert. Wer im «Hotel Ambasador» absteigt – wegen seiner Zehn-Stock-Jugo-Architektur ebenso ikonisch wie umstritten –, steigt über eine Fussgängerbrücke und eine Liegeterrasse direkt ins Wasser.
Von den oberen Etagen reicht der Blick über die ganze Bucht. Linkerhand Rijeka, das als Europäische Kulturhauptstadt 2020 ein echtes Upgrade erfuhr, dahinter die Bergregion Gorski Kotar und die traditionsreichen Seebadeorte Crikvenica, Selce und Novi Vinodolski. Rechterhand die wenig bebaute Opatija Riviera. Und vorn das Herzstück: vier grosse und eine Reihe kleinerer Inseln – Krk, Rab, Lošinj und Cres.
Opatija Riviera? Genuss-Riviera!
Auf dem Weg zur Fähre nach Cres empfiehlt Livio die Bergstrasse statt der Hauptstrasse. «Da macht eine Reihe entzückender Bergdörfer deutlich, dass über viele Jahrhunderte und nicht zuletzt aus Sicherheitsgründen oben der bevorzugte Standort war und erst nach und nach Ableger am Wasser entstanden.» So wie Mošćenice mit engen Gassen, Steinhäusern und barockem Kirchlein und seiner «Meer-Zweigstelle» Mošćenička Draga.
Dort kocht Stiven Vunić. «Die Kvarner Scampi gehören zu den besten der Welt», sagt der Inhaber der «Konoba Zijavica», den der «Gault&Millau Kroatien» jüngst zum «Koch des Jahres» kürte. Der 36-Jährige ist zudem offizieller Botschafter der Kvarner Bucht als Europäische Gastronomieregion 2026, ein Gütesiegel für nachhaltige Regionalentwicklung und den Schutz der kulinarischen Kultur. Sein Credo: «Was das Meer uns gibt!» Auf die Terrassentische mit Blick auf Sonnenanbeter, SUPler und Schwimmer kommen Lasagne mit Oktopus, Wolfsbarsch-Carpaccio und eben Scampi, etwa als Tatar.
Diese Leidenschaft zeigt sich in bodenständigen Konobas ebenso wie in Gourmetrestaurants. Das «Nebo Restaurant & Lounge» in Rijeka und das «Alfred Keller» in Mali Lošinj tragen je einen Michelin-Stern; die Weinliste des «Alfred Keller» würdigt der «Wine Spectator» regelmässig mit dem «Best of Award of Excellence».
Krk – im Königreich des Žlahtina
Überhaupt, der Wein! In Vrbnik auf Krk – mit 406 Quadratkilometern die grösste Insel Kroatiens und die einzige der Bucht, die sich über eine Autobrücke erreichen lässt – ist es eindeutig Weisswein. Konkret der autochthone Žlahtina: leicht und frisch, mit feinen Zitrusnoten und deutlich mineralischem Charakter. «Den trinken hier alle – und ständig», meint Josip Žužić augenzwinkernd. Auf dem Weingut seiner Grossfamilie stehen inzwischen mehrere 100’000-Liter-Tanks.
Experimentiert wird trotzdem gern. Beim Rundgang durch den Keller des Weinguts «Gospoja» zapft Gabriel hier, schnuppert dort und reicht Gläschen: «Wir probieren eifrig rum, darunter den Žlahtina-Ausbau im Holzfass – ungewöhnlich. Das trifft auch auf die Kombi aus Žlahtina-Most, Gerstenmalz und Hopfen zu.» Zum Verkosten gibt es hausgemachten, bora-getrockneten Schinken.
22 Zimmer für 22 Enkel
Der Familie gehört auch das «Vinotel Gospoja» im Ort, wo sich alles um Wein dreht – bis hin zur Zimmerzahl. «Die ehrt das Vermächtnis von Ivan und Katica Toljanić», erklärt Josip, «indem sie der Anzahl ihrer Enkelkinder entspricht: 22.» Jedes Zimmer ist einer anderen Rebsorte gewidmet, die Suiten im obersten Stock haben private Jacuzzis und Terrassen mit einem (auch ohne Wein) berauschenden Blick auf die Badebucht. Gut zu wissen: Das Haus hat fast rund ums Jahr geöffnet.
Die Nebensaison lohnt sich ohnehin: günstiger, weniger los, eine besondere Stimmung. Von O bis O, also von Oktober bis Ostern, findet man im rund 900 Jahre alten Vrbnik auf seinem Felsen über der Adria ebenso leicht einen Parkplatz wie einen Tisch mit Wuchtbuchtblick. Auch in den Gässchen besteht dann kaum Kollisionsgefahr, nicht einmal in der «Klančić», mit 43 Zentimetern angeblich die schmalste Strasse der Welt. Und überall in der Altstadt Genussvolles zum Greifen nah: Honig, Oliven, Grappa, Trüffelprodukte und natürlich Žlahtina.
Cres – geht runter wie Öl
Auf den Nachbarinseln spielt Wein eine kleinere Rolle. Der Star auf Cres ist Olivenöl, besonders im Norden, in der von Trockenmauern und kargen Hügeln geprägten Tramuntana. Daniele Surdić, der im Städtchen Cres den Mini-Flagshipstore seiner Marke Macmalić betreibt, bittet gleich zur Degustation, mit kleinen Bechern und ohne Brot («lenkt nur ab»): «Etwas Öl in den Becher. Den mit der einen Hand leicht erwärmen. Dann ordentlich dran riechen und ein paar Tropfen in den Mund. Drauf kauen und schmecken.» Mal ist das flüssige Gold milder, mal intensiver, mal schärfer. Sein «Slivnjača Macmalić» holte im «Official Guide to the World’s Best Olive Oils» Silber.
Danijel Nurkić, Olivenbauer mit vielen Tattoos, gilt in der Branche als Enfant terrible. Er erntet die Oliven nicht erst reif und schwarz, sondern noch im grünen Bereich. «Ja, diese Variante ist teurer und bitterer, aber meist qualitativ hochwertiger – und gesünder.» 23 Olivensorten wachsen auf seinen steinigen Feldern. «Lust, bei der Ernte zu helfen?», feixt er. «Bei mir hast du im Oktober oft noch schönstes und warmes Wetter.» Ringsum futtern sich zigtausende Schafe durch wilde Kräuter – Top-Tipp für Lamm: die «Konoba Bukaleta» in Loznati.
Wie eine grosse Familie
«Wir sind hier wie eine grosse Familie», sagt die Tourismusbeauftragte Anabela Maričić Milić, die vor 17 Jahren hergezogen ist. Beim Spaziergang durchs Städtchen wird tatsächlich quasi jeder gegrüsst: Hausfrauen mit Katzen auf dem Schoss, Fischer am Markt. Besiedelt war Cres schon früh. Bei Osor fand man das «Osorer Credo» aus dem 5./6. Jahrhundert, laut Museum die älteste erhaltene steinerne Inschrift des christlichen Glaubens. Dort rücken Cres und Lošinj so nah zusammen, dass man fast rüberspringen könnte. Die Autobrücke ist trotzdem komfortabler.
Lošinj – der Energiebooster
Lošinj steht vor allem für grüne Landschaft, Outdoor und Gesundheit. «Für mich ist Lošinj perfekt, man kann einfach alles machen», sagt Matea Kunštek, die vom Festland hergezogen ist. Wandern etwa, auf den 588 Meter hohen Televrina oder tagelang auf der Via Apsyrtides über beide Inseln. «Immer beliebter wird E-Biken», meint die Marketingspezialistin und lädt zur Tour die Meerespromenade entlang, mit Pflichtstopp an der Statue von Ambroz Haračić. «Der sorgte dafür, dass auf der Insel so viele Blumen und vor allem Pinien wachsen.» Darin eingebettet liegen rund um die bildschöne Čikat-Bucht etliche Premium-Herbergen. Die Zeiten, als die kroatische Adria touristisch eher einfach war, sind vorbei – mit der Qualität ist allerdings auch das Preisniveau gestiegen.
Mit dem Boot zu den Delfinen
Einfacher geht es trotzdem: auf Campingplätzen, in Apartments und Pensionen. Oder auf der Mini-Insel Susak mit ihren 139 Einwohnern, einem Sandstrand und kaum Autos. Verkehrsmittel Nummer eins ist in der Inselwelt ohnehin das Boot, ob mit Motor oder Segel. Überall locken grandiose Buchten, das Wasser ist einmalig klar und, wenn nicht gerade die kalt-fiese Bora vom Velebit-Gebirge herunterweht, auch zahm. So lassen sich die Delfine, von denen hier überdurchschnittlich viele leben, besser spotten.
Ein Athlet aus der Tiefe
Taucher haben freilich die besseren Chancen – und mit etwas Glück finden sie einen Schatz. So wie René Wouters 1996, der in 45 Metern Tiefe auf eine 1,92 Meter hohe, gut erhaltene Bronzestatue stiess: den Apoxyomenos. Nach sieben Jahren Restaurierung und Auftritten in Florenz und New York steht der Athlet seit 2016 in einem eigenen Museum am Hafen von Mali Lošinj, in einem schattenlosen Raum ganz in Weiss. Fotografieren strengstens verboten!
Irgendwie passt es, dass der Knabe vor 2’000 Jahren ausgerechnet vor Lošinj über Bord ging. Er entsprach dem damaligen Ideal vom schönen und gesunden Körper, das hier auch heute en vogue ist. Und selbst seine Nacktheit ist stimmig: Mit der Textilfreiheit geht man in der Kvarner Region ähnlich tolerant um wie mit den Nationalitäten. Auf der Nachbarinsel Rab, so sagt man, wurde das FKK-Baden gar «miterfunden» – vom skandalträchtigen König Edward VIII. Schon wieder ein berühmter Engländer.
Video: © Kvarner Tourist Board
Kvarner Bucht
Anreise — Krk ist über eine Brücke mit dem Festland verbunden. Nach Cres fahren Autofähren ab Brestova und ab Valbiska auf Krk; Cres und Lošinj verbindet bei Osor eine Brücke.
Essen — Konoba Zijavica in Mošćenička Draga; Nebo Restaurant & Lounge in Rijeka und Alfred Keller in Mali Lošinj, beide mit einem Michelin-Stern; Konoba Bukaleta in Loznati auf Cres.
Übernachten — Vinotel Gospoja in Vrbnik auf Krk, fast ganzjährig geöffnet; Hotel Ambasador in Opatija mit direktem Zugang zum Meer.
Reisezeit — Von Oktober bis Ostern ist es günstiger und ruhiger. 2026 trägt die Kvarner Bucht den Titel «Europäische Gastronomieregion».
Weitere Informationen — kvarner.hr
Text: Christian Haas · Bilder: Kvarner Tourist Board (Frank Heuer, Arsen Miletic, Hrvoje Saršon, Hrvoje Serdar, Pavela Digital), Christian Haas, Adobe Stock (Sean Pavone, paul prescott)

