MENORCA

A poc a poc – Schritt für Schritt

Steigende Hengste inmitten einer tosenden Menschenmenge. Söldner, die mit Steinschleudern töten. Hausbesetzer, die das Gesetz auf ihrer Seite wähnen. Eine britische Lady, die es gar nicht gibt. Und Ritter auf schwarzen Pferden, die einst die Küsten vor Piraten bewachten. Menorca mag still und beschaulich wirken, doch hinter der unscheinbaren Fassade verbergen sich erstaunliche Geschichten. Am besten folgt man ihnen entlang des sagenumwobenen Camí de Cavalls.

E s ist ein Bild wie ein barockes Gemälde. Eine wogende Menge junger, starker Männer drängt sich dicht an dicht, Augen und Münder weit aufgerissen in Ekstase, die nackten Arme gen Himmel gestreckt. In ihrer Mitte, nur wenige Zentimeter vor ihren Gesichtern, steigt ein riesiger schwarzer Hengst empor, die Nüstern gebläht, das schäumende Maul glitzert in der Sonne. Statt vor den Hufen zurückzuweichen, rücken die Jungen noch näher heran und stützen das Pferd mit ihren Händen, damit sein Reiter es länger auf den Hinterbeinen halten kann. Auf Menorca kennt man dieses Spektakel als «Jaleo», spanisch für Durcheinander. Bei den Fiestas in Ciutadella, Mahón, Es Castell oder Alaior zeigen Pferd und Reiter zu traditioneller Musik den «bot»: Das Tier erhebt sich auf die Hinterbeine und vollbringt sogar einige Schritte in der Menge. Jeden Sommer ziehen die schwarzen Pferde Woche für Woche in die Dörfer und Städte ein – untrennbar verbunden mit der Kultur des stolzen Inselvolks.

Ein Reiter lässt seinen Rappen beim Jaleo inmitten der jubelnden Menge steigen, Hände stützen das Pferd

Im Sattel an der Nordküste

Es ist September, die Sommerfiestas neigen sich dem Ende zu, die Touristenflut ebbt ab. Dennoch klettert das Thermometer an diesem Morgen nochmals über 30 Grad, und die für Menorca typische hohe Luftfeuchtigkeit lässt erahnen, wie dieser Rekordsommer Land und Leute strapaziert hat. Vor mir führt ein schmaler Abhang fast senkrecht hinunter zum Strand. Schroffe Felsen, Staub und Geröll, eine tiefe Stufe aus Stein, ein schmales Viehgatter. Ich atme tief ein und halte die Luft an. Mein Rappe setzt seinen Weg über dunkelroten Sand unbeirrt fort.

Auf rund 185 Kilometern führt der Camí de Cavalls einmal um Menorca, über Felsen und durch Wälder, entlang von Weiden und Trockensteinmauern, hinunter in Buchten und wieder hinauf auf die Klippen. Heute sind hier mehr Wanderer als Reiter unterwegs, doch der Name des «Wegs der Pferde» erinnert an seine ursprüngliche Bestimmung: Über Jahrhunderte überwachten berittene Späher die Küste und warnten vor Angreifern. An denen mangelte es nicht. Mit seiner strategischen Lage und dem grossen Naturhafen von Mahón war Menorca ein begehrter Vorposten im Mittelmeer. Römer kamen, Mauren und Spanier; im 18. Jahrhundert stritten Briten, Franzosen und Spanier gleich mehrfach um die Insel. Und immer wieder überfielen Piraten und Korsaren die Küsten.

Wasserflaschen statt Kilometer

Wehrhaft waren die Bewohner der Balearen schon lange vorher. In der Antike waren ihre Steinewerfer im gesamten Mittelmeerraum berüchtigt: Mit einer einfachen Schleuder aus geflochtenen Fasern trafen sie so präzise, dass fremde Feldherren sie als Söldner anheuerten. Die Inselgruppe soll ihren Namen dem altgriechischen «ballein» für werfen verdanken.

Der Ausblick auf die türkise See, der sich nun zwischen den Pferdeohren entfaltet, dürfte sich seither kaum verändert haben. Während der Massentourismus die Küsten von Mallorca und Ibiza vielerorts umgekrempelt hat, wirkt Menorca erstaunlich unversehrt. Hinter manchen der schönsten Strände steht kein Hotel, keine Apartmentanlage, nicht einmal eine Strandbar. Viele Buchten erreicht man nur zu Fuss, über Wege, auf denen man die Entfernung irgendwann nicht mehr in Kilometern, sondern in Wasserflaschen misst. Vor uns schleppt sich eine kleine Familie durch die sengende Sonne: Der Vater balanciert Kühltasche, Sonnenschirm und ein aufblasbares Gummitier, die Mutter zieht ein verzweifelt weinendes Kleinkind hinter sich her.

Wer ein Haus will, muss es besetzen

Dass keine asphaltierten Strassen hierher führen, ist kein Zufall. Grosse Teile der Insel stehen unter Schutz, neue Bebauung ist stark begrenzt. Bei lediglich rund 60’000 Wohneinheiten, vielen Zweitwohnsitzen und streng geschützten Flächen ist das Angebot knapp. Wer auf Menorca eine Immobilie erwerben will, muss sie womöglich besetzen. «Okupas» heissen in Spanien jene, die sich ohne Erlaubnis in leerstehenden Häusern einrichten – und sich, sehr zum Leidwesen der Eigentümer, weniger schnell wieder hinausbefördern lassen, als man vermuten würde. Einheimische erzählen davon mit jener Mischung aus Empörung und schwarzem Humor, die typisch ist für die Geschichten dieses Eilands.

Wo das Wasser bleiben durfte

Die vielleicht erfolgreichste Verteidigungsstrategie der Insel ist aber eine andere: Man schützt nicht einzelne Häuser, sondern die Landschaft selbst. Einige Kilometer weiter östlich führt der Camí durch S’Albufera des Grau, das ökologische Herz des Biosphärenreservats Menorca – dieser Abschnitt lässt sich am besten zu Fuss erleben. Als die Briten im 18. Jahrhundert das Marschland mit Gräben trockenlegten, um Äcker und Weiden zu gewinnen, durfte das Wasser hier bleiben. Die Lagune ist das bedeutendste Feuchtgebiet der Insel. Für Tausende Zugvögel zwischen Europa und Afrika ist sie Rastplatz, Winterquartier oder Brutgebiet: Kormorane, Reiher, Enten und Blässhühner bevölkern das Wasser, Fischadler kreisen darüber. Ich habe Glück – langbeinig steht ein Schwarm weisser Flamingos im Sumpf, seltene und umso auffälligere Gäste.

Der Pfad führt durch duftendes Unterholz, vorbei an knorrigen wilden Olivenbäumen. Unter den Füssen knirscht trockene Erde, im Gebüsch zirpt und raschelt es. Zwischen den Zweigen entdecke ich zwei gelbgescheckte Landschildkröten, die, von unserer Anwesenheit denkbar unbeeindruckt, ihrer Fortpflanzung nachgehen. Dann reisst das Grün plötzlich auf und gibt den Blick aufs Meer frei. Hinter Dünen und Felsen liegen kleine Naturbuchten. Keine Liegenreihen, keine Musik, keine Bars. Nur Sand, Felsen und dieses beinahe unverschämte Türkisblau.

Was Insel und Meer hergeben

Einige Kilometer später sitze ich im kleinen Hafen von Es Grau und bin dankbar, dass zumindest hier jemand Tische und Stühle aufgestellt hat. Fischerboote schaukeln vor der Uferpromenade, auf dem Teller landet, was Insel und Meer hergeben, im Glas ein Wein, der nur wenige Kilometer entfernt gewachsen ist und nach Stunden in Staub und Hitze noch köstlicher schmeckt als ohnehin.

Die Kulinarik ist auf Menorca weit mehr als angenehme Begleiterscheinung. Meer und Landwirtschaft, die einem draussen ständig begegnen, finden sich sorgsam verarbeitet auf den Tellern wieder. Abseits der Küsten ziehen sich Weiden hinter endlosen Trockensteinmauern über sanfte Hügel, Kühe und Schafe stehen auf den Feldern, dazwischen liegen die weiss gekalkten Höfe der «llocs». Landwirtschaft ist hier bis heute Teil der Identität. Und ähnlich wie bei den Menorquiner Pferden fällt auf, mit welcher Sorgfalt die Bauern bewahren, was über Generationen gewachsen ist.

Reiter auf einem schwarzen Menorquiner Pferd in einer grünen Wiese mit rotem Mohn

A poc a poc

«A poc a poc» – Katalanisch für «Schritt für Schritt» – sagt man auf Menorca. Manche Dinge lassen sich eben nicht beschleunigen. Salz zum Beispiel. In den historischen Salinen von La Concepció bei Fornells wird Meerwasser in flache Becken geleitet und dann weitgehend sich selbst überlassen. Sonne und Wind erledigen die Arbeit, Kristalle bilden sich, Schicht für Schicht. Mehr als 130 Jahre wurde hier Salz gewonnen, bis die Produktion 1984 zum Erliegen kam. Dass die Becken heute wieder in der Sonne glitzern, ist ausgerechnet zwei Schweizern zu verdanken: Rémy und Verena Best erwarben das 45 Hektar grosse Anwesen 2018 und liessen die Salinen restaurieren. Die frisch geernteten Kristalle des Flor de Sal zerbrechen auf meiner Zunge und verschmelzen mit dem Duft der Kräuter, die ringsum wild wachsen.

Im Kajak unter die Klippen

Im Süden scheint Menorca eine andere Insel zu sein. Statt dunkelroter Erde und schroffer Klippen leuchtet der Fels beinahe weiss, tiefe Schluchten schneiden sich durch den porösen Kalkstein und öffnen sich zu jenen türkisfarbenen Calas, für die Menorca berühmt ist. Um zu verstehen, was Wind und Wasser daraus geformt haben, wechsle ich die Perspektive. Vor Cala en Porter schiebe ich mein Kajak ins Meer und paddle hinaus unter die hohen Felswände. Das Wasser ist so klar, dass sich der Grund noch in mehreren Metern Tiefe abzeichnet. In den Klippen öffnen sich dunkle Höhlen, manche kaum höher als der Bug meines Kajaks. Sobald ich hineingleite, verschluckt der Fels das grelle Licht des Nachmittags. Das Schlagen meines Paddels hallt von den Wänden wider, das Wasser darunter leuchtet in einem unwirklichen Blau.

Einige Stunden später betrachte ich dieselben Klippen aus einer sehr viel komfortableren Perspektive. Hoch über dem Meer liegt die Cova d’en Xoroi in einem natürlichen Höhlensystem im Kalkstein. Wo eben noch Paddel auf Wasser trafen, klirren nun Eiswürfel in Gläsern, Smartphones werden gegen den Horizont gehalten, und die untergehende Sonne färbt Himmel und Meer golden. Es ist wohl der berühmteste Sundowner-Spot Menorcas – auch und vor allem dank Instagram.

Zwei Kinder auf einem Felsen über türkisfarbenem Wasser, daneben ein Schnorchler

Die Lady, die es nicht gibt

Als ich am Abend Mahón erreiche, ist die Hitze endlich aus den Strassen gewichen. Hinter den Fassaden liegt der riesige Hafen dunkel und still, auf den Plätzen sitzen die Menschen beim Abendessen. Die Stadt fühlt sich urbaner und eleganter an als der Rest der Insel – und stellenweise überraschend britisch. Passender könnte meine letzte Gastgeberin kaum sein: Cristine Bedfor, eine exzentrische englische Lady mit einem Faible für schöne Stoffe, Antiquitäten, gutes Essen und Häuser voller Geschichten. In Mahón hat sie eines davon in ein kleines Hotel verwandelt.

Es gibt nur ein Problem: Cristine Bedfor existiert gar nicht. Erfunden hat die Figur die spanische Unternehmerin Cristina Lozano, gewissermassen als ihr englisches Alter Ego. Ihre anglophile Mutter hatte ihr die Liebe zu Grossbritannien mitgegeben, später verliebte sie sich in jene kleinen englischen Bed & Breakfasts, in denen nicht eine anonyme Rezeption, sondern die Besitzerin die Tür öffnet und ihre Lieblingsplätze verrät. Also erfand sie ihre eigene Gastgeberin, die inzwischen auch in Málaga und Sevilla Gäste empfängt. Gemeinsam mit dem Interior Designer Lorenzo Castillo stattete Lozano das Haus so aus, als hätte Cristine tatsächlich jahrzehntelang darin gelebt: gemusterte Stoffe, Antiquitäten und Flohmarktfunde, Bücher, Bilder von Haustieren, Blumen und üppig gedeckte Tische. Nichts wirkt wie aus einem Hotelkatalog bestellt. Eher wie das Zuhause einer Frau, die viel gereist ist, gerne sammelt und grundsätzlich davon ausgeht, dass jederzeit Freunde zum Essen bleiben könnten.

Dass diese Frau ausgerechnet Engländerin sein musste, passt zu Mahón. In den Strassen begegnet man georgianisch anmutenden Fassaden und Schiebefenstern, selbst die menorquinische Vorliebe für Gin wird auf die britische Zeit zurückgeführt. Die Besatzer verschwanden, manches von ihrer Lebensart blieb. Menorca hat sich über Jahrhunderte nicht dadurch bewahrt, dass es alles Fremde fernhielt. Römer, Mauren, Briten, Franzosen und Spanier kamen und gingen wieder. Die Menorquiner nahmen manches an – und blieben dabei erstaunlich beharrlich sie selbst. Als ich spät am Abend die Tür meines Zimmers schliesse, ist Mahón still geworden. Meine Gastgeberin werde ich wohl nicht zu Gesicht bekommen. Das kann ich ihr kaum verübeln. Auf Menorca gibt es schliesslich auch so genug zu entdecken.

Menorca

Camí de Cavalls — Der rund 185 Kilometer lange Küstenpfad führt einmal um die Insel und lässt sich zu Fuss, mit dem Mountainbike oder zu Pferd erkunden. S’Albufera des Grau erlebt man am besten zu Fuss.

Fiestas — Die Pferdefeste mit dem Jaleo ziehen im Sommer Woche für Woche durch die Orte, unter anderem Ciutadella, Mahón, Es Castell und Alaior.

Reisezeit — Ab September wird es ruhiger, die Temperaturen bleiben sommerlich.

Übernachten — Cristine Bedfor in Mahón, ein kleines Boutique-Hotel nach dem Vorbild englischer Bed & Breakfasts.

Weitere Informationen — menorca.es

Text: Lena Siep · Bilder: Fundació Foment del Turisme de Menorca

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